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Antimilitaristische Thesen haben ein Problem: Werden sie über den üblichen Kreis ihrer üblichen Rezipienten in Friedensbewegung und -forschung hinaus propagiert und wahrgenommen, so wird aus der Entschiedenheit ihrer Grundannahme der Notwendigkeit von Militärkritik oft auf einen 'antimilitaristischen Dogmatismus' geschlossen. Es folgt der Vorwurf der Intoleranz, der gerade Militärkritik aus emanzipativem Anliegen schwer trifft. Im folgenden will ich die argumentativen Grundlagen legen für einen Begriff der Militärkritik, der auch demjenigen verständlich werden kann, der sich nicht auf der Ebene eines antimilitaristischen 'common sense' befindet.

ÜBER ANTIMILITARISTISCHE INTOLERANZ

Insider und Outsider

Wir befinden uns in einem Mitteilungsblatt, manchmal auch Forschungsheft, der Friedensbewegung und der Friedens- und Konfliktforschung. Diskussionen innerhalb der Redaktion und auch innerhalb dieses gesamten angesprochenen Spektrums laufen auf einer Ebene ab, auf der antimilitaristische (und das heißt militärkritische) Bemühungen wenigstens von der Grundidee her anerkannt werden.

Militärkritik muß jedoch, will sie Wirkung entfalten, über ihr Spektrum hinaus wahrgenommen werden. Sie muß dem antimilitaristischen Sumpf entkommen. Am Ufer dieses Sumpfes steht der normale Bürger. Durchaus offen für neue Ideen schaut er auf den Sumpf und beginnt dabei schon die Nase zu rümpfen. Jedes seiner guten Argumente sieht er in diesem Sumpf versinken. Bald zieht er sich zurück und das ist schade, denn im grunde ist er auch gegen Gewalt und Krieg. Aber mit soviel Unverständnis gegenüber seiner eigenen Position (die sich bemüht zu verstehen, die aber vielleicht selbst in einem anderen Sumpf steckt, dem ungleich riesigeren Sumpf der Akzeptanz des Militärischen durch die Gesellschaft) kommt er nicht klar und im übrigen lehnt er derartige Intoleranz grundsätzlich ab.

Für die Militärkritik ergibt sich aus dieser Situation die Notwendigkeit, dem Vorwurf der Intoleranz offen und argumentativ zu begegnen, um überhaupt ins Gespräch zu kommen, um überhaupt gehört zu werden, um überhaupt Wahrnehmungsblockaden überwinden zu können.

Was ist also Toleranz?

"Toleranz [lat. tolerare >ertragen<] die, 1) Ethik: Die Duldung abweichender Überzeugung aufgrund der Auffassung, daß niemand die absolute Wahrheit für sich beanspruchen könne oder aus der Achtung vor dem wenn auch irrenden Gewissen des anderen, so bes. seit der Aufklärung (Voltaire, Lessing). T. hat aber ihre Grenzen in der Würde und Freiheit des Menschen, die weder in den Menschenrechten noch in den verbindl. Rechtsnormen eines Staates verletzt werden darf. In der Duldung auch solcher Verstöße gegen die Humanität wird T. zur ethisch nicht zu rechtfertigenden repressiven T. (H. Marcuse)." 1

Diese x-beliebige Begriffsdefinition von Toleranz leistet zwei wichtige Dinge: Sie bringt den Tatbestand der Toleranz allgemeinverständlich auf den Punkt ("Duldung abweichender Überzeugung") und sie gibt die Grenzen der Toleranz an: Würde und Freiheit des Menschen. Mit anderen Worten: Wenn die Duldung abweichender Überzeugung die Würde und die Freiheit eines (der) Menschen beschädigt oder auch nur gefährdet, überschreitet die Toleranz ihre Grenze und ist demzufolge abzulehnen. Sie verliert ihren inhaltlichen Gehalt, der gerade im Schutz von Würde und Freiheit der Menschen untereinander besteht.

Die Intoleranz der Militärkritik

Nun zurück zur antimilitaristischen Intoleranz gegenüber dem Militär. Woher nehmen antimilitaristische Militärkritiker also das Recht, ihr Opfer, das Militär, auf derart intolerante Weise anzugreifen? Zunächst: Es geht nicht um einen Angriff auf den einzelnen Soldaten, denn dessen Würde und Freiheit liegt in der Ausübung seines Berufs. Es geht auch nicht um die Rolle der Bundeswehr in der Bundesrepublik Deutschland, denn die ist als konkrete Form von Militär wiederum nur die Folge (genau wie der einzelne Soldat) des militärischen Konzepts in der Gesellschaft. Und darum geht es dann auch: Dieses Konzept von Militär anzuzweifeln, zu kritisieren und u.U. abzulehnen.

Was ist Militär?

Militär ist hierarchisch nach dem Muster von Befehl und Gehorsam strukturierte Institution zur organisierten Gewaltanwendung. Militär zwingt den Menschen, innerhalb des militärischen Apparates nach militärischen Regeln (Befehl und Gehorsam) zu funktionieren, macht ihn zu einem Mittel innerhalb der Kampfmaschinerie, reduziert ihn auf das 'Menschenmaterial' und nimmt ihm durch seine komplette Funktionalisierung für den Zweck der organisierten Gewaltanwendung seine Würde und seine Freiheit als Individuum.

...und was ist zivil?

Und hier liegt der entscheidende, der qualitative Unterschied zu den Zwängen, denen der Mensch im Beziehungsleben, im Berufsleben, im zivilen Leben ausgesetzt ist: Im zivilen Leben kann sich der Mensch seiner Rollen entziehen, er kann aussteigen, er kann sich für Einsamkeit oder Arbeitslosigkeit entscheiden, um seine Würde und seine Freiheit zu schützen. Im militärischen Geschäft hat der Ausstieg (Fahnenflucht) jedoch Verfolgung und Gefängnis und im eigentlichen Szenario des Militärischen, dem Krieg, sogar die Todesstrafe zur Folge.

Die Toleranz des Militärs...

Indem es so funktioniert, verneint das militärische Konzept die Würde und Freiheit des Menschen. Militär stellt im Grunde die Institutionalisierung der Intoleranz gegenüber der Aufrechterhaltung von individueller Würde und Freiheit dar. Wer nun Toleranz gegenüber diesem Prinzip und seiner institutionellen Ausformung einfordert, verkennt diesen Zusammenhang und überläßt der militärischen Intoleranz das Feld. Aus diesem Grunde verneint eine antimilitaristische Militärkritik die Toleranz gegenüber dem militärischen Konzept und stellt diesem den ständigen Zweifel entgegen.

...begründet Militärkritik

Ziel von Militärkritik ist die Bewußtmachung dieser Zusammenhänge und Ziel eines militärkritischen Antimilitarismus ist die Aufweichung des militärischen Konzepts (auch in der Bundeswehr) und seine allmähliche Verdrängung aus der Gesellschaft (auch in Deutschland). eus

Anmerkungen:

1   dtv-Taschenbrockhaus, Mannheim 1995.



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